urbane hexe

Kostüme und kulturelle Aneignung

By Jaredzimmerman (WMF) - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=33919535
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Dia de los Muertos (Day of the Dead) Celebration in Mission District of San Francisco, CA, By Jaredzimmerman (WMF)Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Gerade ist Halloween vorbei und bald, am 11.11., beginnt die Faschingssaison. Das ist eine Zeit, in der ich mich immer öfter über einige Kostüme ärgere. Zum einen, weil gefühlte 90% der Kostüme insbesondere, aber nicht nur, für Frauen* und junge Mädchen* unbedingt sexy sein müssen. Zum anderen und das ist der Punkt, der mich gerade noch mehr umtreibt, ist es die Tatsache, dass bei einem großen Teil der Kostüme das Thema kulturelle Aneignung im Raum steht. Das ist nicht neu, das ist schon ewig so und es interessiert (zumindest gefühlt) einfach keine*n. Zumindest keine*n weißen. Es ist vielen gar nicht bewusst.

Wie in so vielen anderen Bereichen des Lebens, laufen weiße Menschen durch die Welt und bedienen sich einfach wo sie wollen. Ist es nicht lustig sich als sexy Squaw, oder heißer „Indianer-Häuptling“ zu verkleiden? Was ist denn schon dabei? Ham wa doch imma schon gemacht. Is doch nich schlimm. Ist es doch.

Es ist einfach nicht ok die Kultur, die Traditionen und Symbole anderer als Selbstbedienungsladen zu benutzen.
Der Knackpunkt ist, das meist Traditionen und Kulturen bzw. deren Symbole vereinnahmt werden, deren eigentliche „Vertreter*innen“ im alltäglichen Leben diskriminiert und unterdrückt werden. Zum Teil anhand der gleichen Symbole, wegen denen sie Diskriminierung erfahren, wenn sie sie selbst tragen. Oder es werden diskriminierende, rassistische Stereotype tradiert. Keine*r fragt die Betroffenen, ob es ok ist. Es wird gemacht, weil wir es können, weil wir privilegiert sind und die Deutungshoheit haben.
Kein Mensch regt sich darüber auf, wenn zum Fasching jemensch mit ner bayrischen Lederhose rumläuft, weil Bayern nun mal keine unterdrückte, diskriminierte Minderheit sind. Mexikaner*innen, aber beispielsweise schon.

Ja, ich weiß, manche sagen, dass entsprechende Kostüme auch von denen ausgewählt werden, die sich von der jeweiligen Kultur oder dem Land besonders angezogen fühlen und ihr mit Respekt begegnen. Das Problem sehe ich aber tatsächlich weniger in den wenigen Menschen, die bewusst mit so etwas umgehen, sich mit der Kultur aus der sie „klauen“ auch auskennen und wissen was sie da tun. Allerdings werden gerade diese Menschen doch eher weniger dazu neigen plumpe Stereotype zu reproduzieren oder heilige Symbole für ein Faschingskostüm zu verwenden.
Das eigentliche Problem ist doch, dass weiße Menschen oft ohne zu zögern und ohne sich einen sch… dafür zu interessieren, Dinge aus anderen Kulturen verwenden, weil sie es schick finden oder es gerade „in“ ist. Wie in diesem Jahr z.B. die Masken, die den Zuckerschädeln des „Dia de los Muertos“ nachempfunden sind. Die meisten davon haben keine Ahnung was der eigentliche Sinn dahinter ist.

Ich sehe auch ganz ehrlich nicht, wie es zur Völkerverständigung beiträgt, oder wo es ein Zeichen des Respekts ist, (zum Teil heilige) Gewänder fremder Kulturen zu tragen, während eins sich die Birne zu dröhnt, alberne Lieder singt und in den nächsten Busch kotzt.
Ich finde ja den Gedanken sehr schön, dass dadurch Brücken geschlagen und Verständnis und Nähe gefördert werden, nur sehe ich nicht, dass Halloween oder Fasching dafür einen geeigneten Rahmen bieten.
Was ich allerdings sehe ist, dass traditionelle Trachten und heilige Symbole als hohle Hülse benutzt werden und das nach anderen Festtagen wie Weihnachten und Halloween nun auch weitere Feiertage kommerzialisiert werden und ihre eigentliche Bedeutung in Vergessenheit gerät.

Dieses unüberlegte/unreflektierte übernehmen, weil’s gerade schick ist, passiert sehr häufig und auch auf anderer Ebene. Aktuelles Beispiel: Harley Quinn. Eine großartige Figur aus dem DC-Universum, mit nem echt coolen Look. Darum laufen gerade vor allem in den USA, aber auch hierzulande viele junge Frauen* und Mädchen* als Harley durch die Gegend. Sie wollen so sein wie sie.
Was dabei aber nicht bedacht und oft auch nicht gewusst wird ist, dass Harley sicher alles andere als ein Rolemodel insbesondere für junge Mädchen* ist. Ihre Geschichte ist ein Beispiel für (sexuelle) Abhängigkeit, Hörigkeit und Missbrauchsbeziehungen. Das ist kein bischen cool und sexy.

Das eigentliche Problem ist die Oberflächlichkeit und Gleichgültigkeit mit der Kostüme oft gewählt werden, denn wenn da Verständnis und Respekt wären, dann gäbe es viele schlicht nicht.

Für uns ist es leicht zu sagen, dass das ja nicht schlimm ist, weil wir und unsere Kultur nie in dieser Form von Unterdrückung und Ausbeutung betroffen waren.

Ja, ein nicht unwesentlicher Teil der Kostüme, die Teilweise seit Jahrzehnten zu Fasching und inzwischen auch zu Halloween getragen werden ist überdenkenswert! Mal abgesehen davon, dass der Trend zu sexy und coolen Kostümen nichts, aber auch gar nichts mehr mit dem eigentlichen Sinn der Feste und der Verkleidung zu tun hat, ist kulturelle Aneignung einfach ein no-go.

Sinn der Verkleidung zu Halloween ist oder war, sich je nach Auslegung entweder möglichst unerkannt unter die in dieser Zeit umgehenden Geister, Dämonen usw. zu mischen, oder aber eben diese durch ein möglichst schreckliches Kostüm abzuschrecken.
Bei Fasching/Fastnacht halte ich es mit dem alten Mainzer Spruch: „Nur der feiert echte Fassenacht, der sich selbst zum Narren macht.“ Wohlgemerkt sich selbst, nicht andere. Wobei auch hier in den Ursprüngen das Ziel war mit viel Lärm und Krach und gruseligen Masken das alte Jahr und böse Geister auszutreiben.
Ebenfalls Tradition hat die Aufweichung, oder zeitweise Auflösung von gesellschaftlichen Strukturen und Machtverhältnissen. Also meinem Verständnis nach im Grunde das Gegenteil der praktizierten Vereinnahmung und Ausbeutung anderer Kulturen und deren (heiliger) Symbole. Ebenso wie der zunehmenden Sexualisierung, by the way.

Versteht mich nicht falsch, ich liebe Halloween und hab auch nix gegen Fasching. Kostüme finde ich großartig. Es gibt aber unendlich viele tolle, coole, schöne, schreckliche, fantasievolle, originelle, lustige und sexy Kostüme, für die eins nicht andere Kulturen ausbeuten oder vereinnahmen muss.

Also los, feiert, verkleidet euch, aber seid kreativ dabei!

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